Sehen, Gesehenwerden. Der Akt des Lesens, von Texten, Situationen, Subjekten. Die Widersprüchlichkeiten des Sichtbarmachens und -werdens, des Sehens als Relation zwischen Subjekten – diesem Feld widmet sich das von Anke Schwarz kuratierte Flash Fiction Insert, erschienen in der Feministischen Geo-Rundmail Nr. 101. Feministisch spekulieren könnte konkret bedeuten, Räume zu schaffen, um einem „Begehren nach gesellschaftlicher Transformation“ (Beier 2024: 208) narrative und materielle Form zu geben, als Teil alltäglicher Aushandlungen und Kämpfe die herrschenden Verhältnisse im harschen Licht zu betrachten. Ohne romantische Verklärung der Kontingenz: Die Dinge könnten immer auch ganz anders sein. Ob in Donna J. Haraways intergenerational verstrickten Children of Compost oder den queeren Lebensweisen und techno-utopischen Beziehungsformen in den Werken von Octavia E. Butler, Aiki Mira, J.C. Vogt oder Annalee Newitz – das literarische Genre der Science and Speculative Fiction inspiriert ein solches utopisches Wandern, Herumstreifen, Gleitenlassen von Gedanken, Geschichten und Körpern. Im spekulativen Erzählen artikuliert sich ein feminist gaze etwa im Gegenstand, im Weltenbau, in den Subjektpositionen und Perspektiven der Protagonist*innen – ganz sicher aber in der Haltung der Schreibenden. Verbindend ist diesem Blick möglicherweise ein materialistisch-queerfeministisches Begehren nach solidarischen Beziehungsweisen (Adamczak 2017), nach einer geschlechterinklusiven und sorgezentrierten Gesellschaft, letztlich nach einem hoffnungsvollen Trotzalledem, einem Aufschein realer und zu realisierender Utopien, dem Noch-Nicht-Gewordenen (Bloch 1973). Die im Insert ‘Gesehen. Umrisse feministischen Spekulierens’ der Feministischen Geo-Rundmail veröffentlichten Mikrofiktionen von blueA, kasu keys, Remy Dara, rike, S.H. Scholz und Yet-not-flying entstanden im Frühjahr 2025 im Rahmen einer von Anke Schwarz geleiteten Flash Fiction-Schreibwerkstatt. Sie leuchten ein Spektrum feministischen Spekulierens aus: Von der Arbeit an den Fassaden der Körper, einer plötzlichen Absenz binärer Geschlechterordnung und dem Versorgen des Selbst unter Extremklimabedingungen über eine unerwartete Anerkennung und die Verstrickungen kollektiver planetarer Sorgearbeit bis hin zu ein paar Verlorengeglaubten, die aus den schützenden Nischen der Unsichtbarkeit treten.
Schwarz, A. (2025): Gesehen. Umrisse feministischen Spekulierens. Flash Fiction Insert. In: Gombert, A./Müller, A. (Hrsg.): Feministische Geo-Rundmail 101, S. 35-46. Download Feministische Geo-Rundmail Nr. 101 als .pdf
Literatur
- Adamczak, B. (2017): Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende. Berlin: Suhrkamp.
- Beier, F. (Hrsg.) (2024): Materialistischer Queerfeminismus. Münster: Unrast.
- Bloch, E. (1973): Das Prinzip Hoffnung. Erster Band. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
- Butler, O.E. (1987): Dawn. A Lilith’s Brood Novel. New York: Warner.
- Haraway, D.J. (2016): Staying with the Trouble. Making Kin in the Chthulucene. Durham: Duke University Press.
- Mira, A. (2022): Neongrau. Game Over im Neurosubstrat. Heidelberg: Polarise.
- Newitz, A. (2017): Autonomous. New York: Tor Books.
- Vogt, J.C. (2025): Anarchie Déco 1930. Ahrensburg: tredition.
